Heavenly Creatures – Blu-ray Review | Wild Bunch Germany | LEONINE | 02.09.2021

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Am 13. August 2021 ist „Heavenly Creatures“ auf Blu-ray in den Handel gekommen und wir haben das Review dazu:

„Von hypnotischen Kreaturen… und bösen Mädchen“

Wenn man an den neuseeländischen Ausnahmeregisseur und Produzenten Peter Jackson denkt, fallen den meisten Filmfans natürlich unverzüglich Filme wie „Der Herr der Ringe“ oder „Der Hobbit“ ein. Aber auch Horrorfans denken sofort an seinen 1987 entstandenen ulkigen Erstling „Bad Taste“ oder an den kultigen nicht minder blutigen „Braindead“ von 1992.

Aber neben seinem 1996 entstandenen „The Frighteners“ gab es noch einen weiteren nennenswerten Film, den manche vermutlich gar nicht auf dem Schirm hatten. Die Rede ist vom 1994, nach wahren Begebenheiten inszenierten und für das beste adaptierte Drehbuch Oscarprämierten Drama „Heavenly Creatures“, in dem Kate Winslet und Melanie Lynskey ihre Schauspielkarriere starteten.

Über Wild Bunch und im Vertrieb von LEONINE erhält der Film nun seine deutsche HD-Premiere in der R-Rated Fassung im einfachen Keep Case. Das Team von filme.de konnte sich die Blu-ray genauestens ansehen und verrät, ob der Film auch 27 Jahre nach seiner Uraufführung noch begeistert und wie die technischen Merkmale ausgefallen sind.

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STORY:

Christchurch, Neuseeland, 22. Juni 1954. Hier, am anderen Ende der Welt, verläuft das Leben der Menschen in geordneten Bahnen. Auch Pauline (Melanie Lynskey) und Juliet (Kate Winslet), zwei hübsche, junge Mädchen, genießen die glücklichen Tage ihrer Jugend und erleben eine einzigartige, mehr als freundschaftliche Beziehung. Doch der Schein trügt. An diesem Tag schlagen die beiden Mädchen mit dem Backstein, eingewickelt in einer Strumpfhose, einer wehrlosen Frau den Schädel ein. Das bestialische daran: die Frau ist Paulines Mutter…

EINDRUCK:

„Heavenly Creatures“ basiert auf der wahren Geschichte von Pauline Rieper und Juliet Hulme, die von 1952 bis 1954 in Christchurch, Neuseeland spielt. Diese beiden Teenager bildeten eine intensive und für manch einen eine ungesunde Freundschaft. Sie waren stets unzertrennlich und als ein Fall von Tuberkulose Julia in Quarantäne zwang, schrieben sie sich aufwühlende Briefe, sowohl als sie selbst als auch als von ihnen geschaffene Fantasiefiguren. Schließlich machten sich ihre Eltern Sorgen über die Natur dieser Freundschaft, denn Homosexualität wurde in den 50er Jahren als ein sehr negativer „Zustand“ angesehen und versuchten, Pauline und Juliet daran zu hindern, sich zu sehen. Die tragischen Folgen dieser Aktion, wie sie im Tagebuch der echten Pauline beschrieben wird, werden in Peter Jacksons Film erzählt.

Dieser einzigartig kraftvolle Film gewinnt einen Großteil seiner Dynamik durch die Interaktion der Charaktere. Pauline und Juliets Rollen sind so gut ausgearbeitet und solide dargestellt, dass der Zuschauer von ihrer Beziehung gefesselt wird. Während es absichtlich zweideutig bleibt, ob eines dieser Mädchen lesbisch ist, erkennt man umso genauer, wie hoffnungslos deren Leben und ihr emotionales Wohlbefinden verworren sind.

Fantasie spielt in „Heavenly Creatures“ eine entscheidende Rolle. Wie psychotisch Pauline und Juliet tatsächlich sind zeigen sie uns in Visionen ihrer „4. Welt“, in der Romantik und Glück herrschen und in der sie sich wohler fühlen als in der echten Welt.

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Der damals erst 33jährige Peter Jackson hat eine ungewöhnlich komische und farbenfrohe Perspektive in diese Geschichte gebracht, die man natürlich auch für ein bittersüßes Drama halten könnte. Mit deutlichem Einfluss von Monty Python und noch Jahre vor dem optisch ähnlichen „Hinter dem Horizont“ mit Robin Williams formt Jackson die Fantasiewelt zu einem Ort reich konstruierter Bilder, in dem die grenzenlose Kreativität seiner Charaktere ihre Entfaltung findet. Die Leichtigkeit dieses Ortes steht auch im krassen Gegensatz zu der schockierenden Sequenz, die den Film sowohl eröffnet als auch schließt.

Melanie Lynskey (sicher vielen erst durch „Two and a half Men“ ein Begriff) und Oscarpreisträgerin Kate Winslet („Titanic“, „Der Vorleser“) überzeugen als die beiden Freundinnen. Die Chemie zwischen ihnen passt von Anfang an, selbst oder besser gesagt gerade in den ruhigeren Momenten. Die Nebendarsteller, zu denen Diana Kent als Paulines Mutter, Sarah Peirse als Juliets Mutter sowie Clive Merrison und Simon O’Connor gehören, wurden ebenfalls hervorragend gewählt.

Als dysfunktionale Familiengeschichte bietet der verstörende „Heavenly Creatures“ keine einfachen Antworten darauf, was hätte anders gemacht werden können, um zu verhindern, dass die Umstände so ausarten, wie sie es schlussendlich taten. Immerhin wurden von einem fähigen Regisseur die Ereignisse auf unvergessliche Weise enthüllt und in ein Drama gepackt, das so schnell nicht vergessen wird. Jedermanns Sache wird der eigenwillige, oftmals skurrile Film aber auch heutzutage nicht sein.

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KURZE INFO BZGL. DER GeSCHNITTENEN SZENEN:

„Heavenly Creatures“ wurde nach seiner Premiere in Neuseeland für den Weltvertrieb durch das Studio Miramax um ca. 10 Minuten gekürzt. Die vorliegende Blu-ray beruht auf dieser Schnittfassung. Da es sich bei dem Film um eine deutsch-neuseeländische Co-Produktion handelte, kam in Deutschland eine Fassung mit einer Länge von ca. 105 Minuten in die Kinos (später auch ins TV). Da von dieser Fassung keine englische Originalfassung verfügbar ist, wurden die wichtigsten geschnittenen Szenen exklusiv für diese Blu-ray von der deutschen Fassung rekonstruiert.

Allen Unkenrufen zum Trotz sei eines klargestellt: Klar, LEONINE hätte die knapp 10 Minuten der geschnittenen Szenen in den fertigen Film integrieren können, wenn man aber im Bonusmaterial sieht, welche Szenen geschnitten wurden, verpasst man nicht viel. Der Großteil sind länger gehaltene Landschaftsaufnahmen, einige irrelevante Sätze aus dem Off und einige längere Szenen mit den beiden Mädchen (beim Wäscheaufhängen, beim Abendessen und auch in der vierten Welt als borovnische Prinzessinnen), also nichts was man unbedingt hätte sehen müssen. Also, alles halb so schlimm und natürlich jedem selbst überlassen, ob er dies nun gut heißen möchte oder nicht.

BILD:

Das Bild der Blu-ray im MPEG-4/AVC Codec wird uns im Ansichtsverhältnis 2,35:1 präsentiert und bietet nur bedingt ein ordentliches Full-HD Erlebnis. Vorbei die Zeiten, als im TV oder auf DVD noch aufgezoomt wurde, um ein 1,85:1 Vollbild zu erhalten. Der Film wurde damals natürlich noch analog auf 35mm Film gebannt und ja, die blaue Scheibe ist schärfer als es noch die DVD von 2002 war, lässt insgesamt auch mehr Details erkennen, gehört aber nicht zu den besten Blu-ray Scheiben auf dem Markt, denn dafür kommt das Bild insgesamt gesehen etwas zu soft daher.

Die Farben werden warm, mit einem Hang zum Sepiaton und natürlich saturiert wiedergegeben und passen so hervorragend zum Drama selbst. Die Durchzeichnung ist ordentlich, der Kontrast neigt ab und an zu überstrahlen, liegt aber noch im soliden Bereich. Die Blu-ray ist definitiv der DVD vorzuziehen, reißt aber wie gesagt keine Bäume aus.

Was leider gar nicht geht, sind kleinere Bildverschmutzungen, die immer noch im fertigen Film enthalten sind. Ganz schlimm ist ein ganz dünner dunkler Streifen in der rechten Bildhälfte bei Minute 4:04 bis zu Minute 4:23, der sich obendrein auch noch durch mehrere Kamerawechsel zieht. Das hätte behoben gehört und sorgt für einen Punktabzug.

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TON:

  • Deutsch DTS-HD MA 5.1
  • Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel:

  • Deutsch für Hörgeschädigte

Sowohl der deutsche als auch der englische Originalton sind im Großen und Ganzen in Ordnung. Ein akustisches Effektfeuerwerk darf man zwar nicht erwarten, dennoch fallen dem Zuschauer in diesem doch recht dialoglastigen Drama einige direktionale Surround Effekte wie Umgebungsgeräusche an der Schule auf. Aber auch wenn die beiden Mädchen in ihrer vierten Welt sind und der traumhafte Score von Peter Dasent, der übrigens sehr oft an die Klänge von Danny Elfman herankommt, einsetzt, merkt man die restlichen Lautsprecher. Die Dialoge sind stets gut zu verstehen und der Subwoofer hat mal Pause.

EXTRAS:

  • Deutscher Kinotrailer
  • US Promo Clip
  • Geschnittene Szenen (deutsch, 12:27 Minuten)
  • Hintergrundinformationen: „Der Parker / Hulme Mordfall“
  • Trailershow: „Whitney“, „The Informer“, „Wind River“, „The Secret Man“, „August Rodin“

Neben einigen Trailern aus dem Hause LEONINE gibt’s natürlich sämtliche geschnittenen bzw. erweiterte Szenen in deutscher Sprache zu bewundern. Die Hintergrundinformation: „Der Parker / Hulme Mordfall“ lässt einen auf vier Seiten den kompakten sowie skurrilen Mordfall der beiden Mädchen nachlesen.

An ein Wendecover ohne FSK 16 Flatschen wurde leider nicht gedacht.

FAZIT:

Bild und Ton der blauen Scheibe sind bestenfalls Mittelmaß, aber definitiv eine Steigerung zur bereits erhältlichen DVD. Leider gibt es auch einen unschönen Fehler in Form eines dünnen Bildstreifens, der einige Sekunden auszumachen ist. Die geschnittenen Szenen lassen sich sogar in deutscher Sprache im Bonusmaterial auswählen.

Peter Jacksons wild hypnotisches Drama, das auf wahren Begebenheiten beruht, nimmt den Zuschauer immer noch mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle zweier Mädchen, obwohl dessen Ausgang bereits bekannt ist. „Heavenly Creatures“ bleibt einem definitiv länger im Gedächtnis, auch wenn der Film sicher nicht jedermanns Sache ist.

Hier erhältlich:

  • Heavenly Creatures (Blu-ray)

(Alexander Gabler)
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Bewertungen: 4.9 / 5. 830

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